Ahmet Oran, geboren 1957 in Canakkale, studierte Malerei in Wien und Istanbul. Von 1977 bis 1987 war er in der Klasse von Adnan Coker an der Istanbuler Akademie der Schönen Künste. Zugleich studierte er zwischen 1980 und 1985 Malerei, Glasmalerei und Grafik bei Carl Unger an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst. Von 1985 bis 1987 vervollständigte er seine Studien in der Klasse von Adolf Frohner.

Seit mehr als dreissig Jahren stellt Ahmet Oran in Einzel- und Gruppenschauen im In- und Ausland aus. Seine Werke werden von Museen zeitgenössischer Kunst wie dem Istanbul Modern oder dem Lentos Kunstmuseum in Linz gezeigt. Er lebt und arbeitet in Wien und Istanbul.

                                                     

Malerei als Malerei

Ahmet Orans jüngste Gestaltungsprinzipien in der Malerei basieren auf dem Spannungsverhältnis zwischen materieller Präsenz und opak atmosphärischer Sichtbarkeit der Farbe. Durch das Abschälen eines Farbschichtsegments am oberen oder unteren Bildrand wird der physische Hautcharakter von Farbe dargelegt. Diese Matrix wird vom Künstler in differenter Art und Weise bearbeitet. Oft generiert sie zu einem pulsierenden Farbraumkörper, der jedoch über die faktischen Grenzen des Bildträgers hinausstrahlt. Als Referenzquelle für diese Strategie gibt Oran die Hintergrunddarstellungen von klassischen Gemälden an, die als räumliche Staffagen für das Bildgeschehen fungieren. Die primäre Qualität liegt in ihrer Ruhe, Leere und undeterminierbaren Weite, die er auf konnotativer Weise für seine Malerei adaptiert. Manchmal bilden Farbpatzer, die zufällig während des Malprozesses entstanden sind, eine kontrapunktische Position zum Illusionismus des Farbfeldes. Es scheint als ob sich der Künstler in einem sensiblen Dialog mit dem Malmaterial Farbe befände und ihre Verhaltensweise akzeptiere. Das Bilden von Flecken, Patzern, Rissen und Craquelées sind Charakteristika für diese organische Substanz. Entscheidend ist, daß die Farbe als Ergebnis einer Handlung, nämlich des Malprozesses, zu definieren ist, jedoch nicht in der heftigen Manier der Wilden Malerei der frühen 80er Jahre. Dieses prozessuale Moment präsentiert sich im wohlbedachten Malen von mehreren transparenten Farbschichten, dem Experimentieren, Erproben, Zweifeln, Verwerfen, Übermalen, Beenden und dem Neubeginn.

Orans malerische Resultate beziehen sich formal auf die ästhetischen Strategien der historischen Avantgardemalerei, als deren Surrogat sich die Abstraktion herausgebildet hat. Jedoch identifizieren sie sich nicht mit der von Greenberg propagierten Selbstkritik der Modernen Malerei, oder mit der ontologischen Analyse bei Ad Reinhardt. Der autonome absolute Charakter wird von dem nun zugelassenen semantischen Referenzmoment relativiert. Schon Kandinsky hatte in seiner Grammatik der Abstraktion konstatiert, daß scheinbar informelle autonome Formenkomplexe allein durch ihre Applikation auf dem Bildträger Gefühle hervorrufen würden. Diese Emotionalität wird von der Seite des Rezipienten in einer kontemplativ anschauenden Selbstvergessenheit erfahren. Die Bedeutung von Alltag und Zeit ist in den Hintergrund gerückt. Die Zeitlosigkeit gilt somit als entscheidende Qualität des Mediums Malerei. Das in sich ruhende Bild hat sich neben den neuen Medien, deren Beziehung zum Faktor Zeit – etwa beim bewegten Bild – eine intensive ist, wieder etablieren können. Außerdem birgt das Neue die Gefahr in sich von einer ihm folgenden Erfindung als obsolet erklärt zu werden.

Wenn wir vor Orans Bildern stehen, tauchen wir in eine meditative Sphäre ein, die uns verstummen läßt und uns ihre Wirklichkeit vor Augen führt. – Malerei als Malerei.

(Text: Florian Steininger)